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Mit dem Volkswirt Prof. Dr. Moritz Schularick, Professor für Makroökonomie und Direktor des Macrofinance Lab an der Universität Bonn sowie Autor des Buches „Der entzauberte Staat“, dem Physiker und Arzt Dr. Dr. Klaus Piwernetz, Kenner fast aller Facetten des Gesundheitssystems und Autor des Buches „Strategiewechsel jetzt!“ sowie mit Prof. Dr. Christian Gerloff, Direktor der Klinik für Neurologie am UKE Hamburg und Präsident der DGN, diskutierten Experten aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, wie Politik und Gesellschaft mit der Pandemie umgehen.

„Der Staat war für seine Aufgaben in der Pandemie nicht gut gerüstet“, sagte Prof. Schularick und machte dies an drei Punkten fest: die „harte“ Infrastruktur fehle, da die staatliche Leistungsfähigkeit durch mangelnde Investitionen abgenommen habe. Auch an „softer“ Infrastruktur mangele es, wozu Schularik z. B. die unzureichende Integration von Wissenschaft und Politik zählt. Als dritten Punkt nannte er die Mentalität von politischen Entscheidern, die zu zögernd und vorsichtig aufgetreten seien. „Wir brauchen dringend ein umfassendes Modernisierungsprojekt für unser Gemeinwesen, um die kommenden großen Aufgaben wie Digitalisierung, Klimaschutz und Behauptung Europas zwischen den großen Blöcken zu meistern“.

Auch Dr. Dr. Piwernetz mahnte in allem mehr Tempo an. „In einer Pandemie definieren das Virus und die Überträger, also die Bevölkerung, das Geschehen, und die anderen beteiligten Systeme wie Gesundheitsversorgung, Politik und auch Wirtschaft müssen sich danach richten.“ Piwernetz unterstrich zudem die Rolle der Kommunikation für den Umgang mit der Pandemie. Seit 2017 gebe es einen Nationalen Pandemieplan, sogar schon seit 2013 eine Verordnung, wie im Pandemiefall zeitnahe und zuverlässige Informationen für Politik, Fachpersonal, Öffentlichkeit und Medien zur Verfügung gestellt werden sollen. Das habe aber offenbar niemand umgesetzt.

Das Krankenversorgungssystem, insbesondere die Kliniken und Praxen, hätten die Pandemie „mit am besten gemeistert“, konstatierte Prof. Gerloff. Dies liege daran, dass jede Einheit selbst die Initiative ergriffen und die Versorgung der eigenen Patienten organisiert habe. Nun seien alle, insbesondere die Mitarbeiter auf den Intensivstationen, aber erschöpft. Mehr als ein Viertel der Intensivkapazität sei derzeit wegen Mangel an Pflegepersonal geschlossen, und bald würden auch Ärzte fehlen.

„Wir brauchen eine stärkere und strukturierte Einbettung der Wissenschaft in die aktuelle politische Entscheidungsfindung und mutigere Politiker“, sagte Prof. Schularick und sprach die Hoffnung aus, dass dies in den Koalitionsverhandlungen gelinge.

Quelle: DGN 2021 „Lernen aus der Pandemie – wie können wir heute die gesundheitlichen politischen Weichen für eine gute Versorgung von morgen stellen?“, 03.11.2021, 12:15 – 13.45 Uhr