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Angesichts der wachsenden Flut an klinischen Studien sind hochwertige Übersichtsarbeiten von hoher Bedeutung für eine rationale Medizin. Claudia Bollig vom Institut für Evidenz in der Medizin (Universitätsklinikum Freiburg) stellte die Arbeit der Cochrane Collaboration vor, deren Systematische Reviews als ein Standard in der Evidenzbewertung etabliert sind. Sie liefern Übersichten zum aktuellen Stand der Forschung, fassen Studienergebnisse zusammen und schätzen die erwartbaren Effekte von Interventionen ab. Vor allem aber bewerten sie, ob das vorhandene Wissen zuverlässig ist. Die Methodik ist im Cochrane Handbook dokumentiert. Zentrales Element der systematischen Übersichtsarbeiten ist die Bewertung der internen und externen Validität von Studien (Risk of Bias, Übertragbarkeit der Ergebnisse auf die klinische Realität). Hinzu kommt die Beurteilung der Berichtsqualität (Vollständigkeit, Objektivität), ohne die keine valide Evidenzbewertung möglich ist. Laufend aktualisierte Living Systematic Reviews sind wertvoll zur Beurteilung der Evidenzsituation bei rasch evoluierender Datenlage – wie aktuell in der COVID-19-Pandemie. Auch systematische Reviews müssen methodischen Kriterien genügen. Unter­suchungen mit der AMSTAR 2-Methodik ergaben, dass Reviews von Cochrane generell rigorosere Kriterien zugrunde legen und weniger häufig zu positiven Schlüssen über eine Intervention kommen als Arbeiten anderer Gruppen.

10 Jahre DOAK – eine Zwischenbilanz

Am Beispiel der Prävention thromboembolischer Ereignisse mit direkt wirksamen oralen Antikoagulanzien (DOAK) erläuterte Enrico Völzke (Klinikum Charlottenburg, Berlin) die Relevanz der Studienqualität für die Anwendung neuerer versus etablierter therapeutischer Optionen. So ist die Nichtunterlegenheit der DOAK versus Vitamin-K-Antagonisten (VKA) für Deutschland nur bedingt belegt. Randomisierte Vergleiche zwischen verschiedenen DOAK wurden nicht durchgeführt. Analysen von Real World Daten ergaben in der Mehrzahl Abweichungen von den Zulassungsstudien zu Ungunsten der DOAK. Die Gründe liegen unter anderem in methodischen Mängeln Hersteller-gesponsorter Studien (niedrige Zeit im therapeutischen Bereich (TTR) in den VKA-Gruppen), häufigen Fehldosierungen, schlechte Adhärenz und fehlenden Instrumenten zur Effektmessung und Dosisadjustierung. Völzke forderte daher unabhängige Vergleichsstudien aller DOAK gegen einen VKA-Kontrollarm mit adäquater TTR.

Quelle: DGN 2021 „NeurologyFirst“, 03.11.2021, 10:30–12:00